Hallo liebe LeserInnen,
In den letzten Monaten erlebe ich viele Trennungen im Freundeskreis und auch bei meinen KlientInnen knistert es ordentlich. Ist gerade eine schwierige Zeit? Ich weiß die Ursachen nicht, gleichzeitig erlebe ich viel wertvolle Arbeit bei Menschen – bei sich selbst.
Ich möchte eine Geschichte mit euch teilen, vielleicht inspiriert diese euch ja.
Eine Klientin, nennen wir sie Lisa, ist abends mit ihrem Ehemann Tom zuhause.
Alles ist fein. Tom hatte einen erfolgreichen Arbeitstag, und auch Lisa hat viel geschafft. Sie machen gemeinsam Pizza, Musik läuft, sie trinken ein Glas Wein zusammen.
Plötzlich klingelt ein Handy.
Der Nachbar Heinz fragt, ob er vorbeikommen könne.
„Aber natürlich – du hast Glück, die Pizza ist gleich fertig.“
Lisa und Tom verdrehen kurz die Augen, freuen sich aber gleichzeitig über den spontanen Besuch, da der Nachbar immer sehr hilfsbereit ist.
Zwanzig Minuten später trifft Heinz ein, bringt sein eigenes Bier mit, lässt sich die Pizza schmecken. Es wird viel besprochen – ein harmonischer Abend.
Ab einem gewissen Moment bemerkt Lisa, wie Tom beginnt, den Tisch aufzuräumen, die Geschirrspülmaschine einzuräumen und die Küche zu putzen.
Sie spürt, wie sie unruhig wird. Während sie den Nachbarn weiter unterhält, fragt sie sich immer wieder, was Tom eigentlich macht. Heinz zieht sie voll in seinen Bann, nur kurz sagt sie zu Tom:
„Kommst du bitte?“
Und sie lächelt dabei.
Doch Tom putzt weiter die Küche und bringt sogar noch das Altglas in den Keller.
Lisa kocht innerlich. Sie wird immer wütender.
Wie kann er mich hier nur allein sitzen lassen?!
Heinz geht später. Tom setzt sich noch an den Tisch.
Kaum ist die Haustür zu, beginnt Lisa, ihre aufgestauten Emotionen loszuwerden.
„Tom, wieso hast du mich die ganze Zeit allein bei Heinz sitzen lassen? Du weißt doch, dass ich das nicht mag.“
Tom sagt nur:
„Ich war doch da, und ich habe doch die Küche aufgeräumt.“
Er versteht nicht, was los ist. Lisa ist sauer. Eines gibt das andere, es wird lauter, und nach einer hitzigen Diskussion – in der es vor allem darum geht, wer jetzt recht hat – gehen beide angesäuert ins Bett.
Am nächsten Morgen stehen sie auf und wissen gar nicht mehr, was eigentlich genau los war.
Doch Lisa hat bei mir eine Session, und wir besprechen natürlich ganz genau, was da passiert ist 😉.
Denn Lisa möchte so nicht mehr weiterlebe n- ständig diese Konflikte!
Gefühlt hat sie zwei Möglichkeiten:
1) Tom loswerden und endlich einen Mann finden, der sie versteht
oder 2) in sich selbst etwas verändern und ihren Anteil an der Situation klären
Aus Sicht meiner Arbeit sind natürlich beide Wege nicht leicht.
Wir hören diesen Satz immer wieder:
„Solange du selbst dein Leben nicht klärst, wirst du immer wieder dasselbe erleben.“
Sprich: Der nächste Partner würde Lisa vermutlich wieder dasselbe Gefühl geben – hart und traurig.
Vielleicht hilft es, mit Menschen zu sprechen, die bereits mehrere Beziehungen hinter sich haben:
Ist es wirklich immer dasselbe?
Ich stellte Lisa folgende Frage:
„Was hättest du in dem Moment am Tisch gebraucht?“
Sie dachte lange nach.
Und ihr lieben LeserInnen – das ist kein einfacher Moment.
Man muss den Schritt wagen, von Schuldzuweisungen und der Haltung „Mein Mann ist der Fehler“ wegzukommen und sich selbst zuzuwenden.
Lisa antwortete:
„Ich war unglaublich müde. Ich hätte eigentlich nur meine Ruhe gebraucht.“
Meine nächste Frage:
„Was hat dich zurückgehalten, das einfach auszusprechen und vielleicht schon mal ins Bett zu gehen?“
Und jetzt sind wir an dem Punkt, wo die Arbeit beginnt – bei einem selbst.
Lisa sagt:
„Ich kann das doch nicht sagen, was würde Heinz denken …“
Schnell wird klar: Weder Tom noch Heinz wären beleidigt gewesen, wenn Lisa einfach herzlich gesagt hätte:
„Ihr Lieben, ich bin müde, ich gehe schon mal.“
Dann wanderten wir in Lisas Kindheit.
Kam ihr eine solche Situation bekannt vor?
Wir verbrachten einige Zeit damit. Lisa hatte auch ihre Biografie geschrieben, und wir begaben uns detektivisch auf die Suche.
Auf die Suche nach was?
Nach dem Trigger, dem Auslösereiz, der Lisa in der Pizzasituation wütend gemacht hatte.
Für mich ist eine Situation dann triggerbesetzt, wenn es mehrere Handlungsmöglichkeiten gegeben hätte. Nicht jede Person hätte so reagiert wie Lisa.
Und wir fanden bei ihr folgenden inneren Satz:
„Ich muss immer alles alleine machen!“
Das ist ein Trigger aus Lisas Geschichte. Sobald sie sich alleingelassen fühlt, wird sie innerlich wieder die kleine Lisa. Früher war sie traurig, zog sich zurück und war still. Heute hat sie die Kraft, anzugreifen, für sich einzustehen, zu diskutieren.
Doch Lisa möchte nicht mehr wütend auf Tom sein.
Denn irgendwo in ihrem Hinterkopf gibt es auch diese leise Stimme:
Aber er hat doch die Küche aufgeräumt. Er ist doch immer für dich da. Er liebt dich. Er tut sein Bestes für dich. Er war bestimmt auch müde.
Doch diese Stimme wird überlagert von der wütenden kleinen Lisa, die noch eine Rechnung mit dem Leben offen hat.
Diese Wut und diese Traurigkeit von damals kochen über.
Was wir gemeinsam erarbeiteten:
Kurz als Basisinformation:
Lisa ist hochsensibel, hat HPU, Traumafolgethematiken aus Bindungstraumatisierungen, hatte bereits zwei Burnouts, arbeitet nur noch zu 50 % und hat starke Unverträglichkeiten.
In erster Linie geht es um Stabilisierung und um das Annehmen der eigenen Bedürfnisse – ebenso wie der eigenen Schwächen und Stärken.
Klingt einfach. Ist es aber nicht.
Es ist nicht leicht, nicht „ein Leben wie andere“ leben zu können.
Wir suchen ressourcenreiche Situationen in ihrem Leben, auf die sie sich jederzeit innerlich beziehen kann.
Welche Situation kennst du, bei der du – sobald du daran denkst – ein warmes Gefühl im Herzen spürst oder dein Gesicht sich unwillkürlich aufhellt?
Diese Situation wird verankert.
Das heißt: Sie ist bewusst abrufbar und wird auch körperlich gefühlt.
Die möglichen Trigger werden analysiert, detektivisch herausgearbeitet.
Wir besprechen Möglichkeiten, das Nervensystem zu regulieren – in Lisas Fall, um eben nicht wütend zu werden 😉.
„Zwischen Reiz und Reaktion liegt deine Freiheit.“
Viktor Frankl
Wir analysieren die Situation mit Heinz ausführlich.
Und wie das Leben so spielt, begegnet Lisa bald wieder einer ähnlichen Situation – juhu 😉.
Sie stürzt sich freudig hinein ins Leben und wartet nur darauf, das Gelernte auszuprobieren.
Natürlich klappt das nicht immer.
Aber diesmal schafft sie es.
Eine ähnliche Situation
Lisa und Tom wollen gemeinsam Abendessen kochen. Sie schneiden Gemüse.
Tom bekommt einen Anruf von einem Freund, küsst Lisa kurz und verschwindet in sein Arbeitszimmer.
Lisa kocht weiter, wachsam.
Sie merkt, wie ihre Gedanken kreisen:
Wo ist er denn? Was macht er denn?
Tom kommt zurück.
Lisa atmet erleichtert aus und beobachtet ihre Gedanken:
Ah, da ist er ja. Er hat doch gemerkt, dass wir zusammen kochen wollten.
Gerade als sie weiterschnippeln, klingelt erneut das Telefon.
Diesmal ein Kollege.
Tom blickt sie entschuldigend an und verschwindet wieder im Büro.
Was denkt ihr, was die „alte“ Lisa gemacht hätte?
Genau: innerlich zu kochen beginnen.
Mit Tom diskutieren.
„Wie kannst du mich allein lassen? Wir wollten doch zusammen kochen! Immer hast du abends das Handy an …“
Und ja – alles korrekt 😉.
Tom ist der böse Ehemann. Richtig?
Er könnte sich doch anpassen, das Handy ausmachen …
Doch wäre Tom dann noch Tom?
Oder gäbe es dann andere Dinge, die Lisa stören würden?
„Jetzt klebt er dauernd an mir, er soll doch auch mal was selbst machen …“
Lisa hatte beschlossen, es diesmal anders zu machen und bei sich zu bleiben.
Sie spürte die Wut und erkannte gerade noch rechtzeitig den Trigger:
„Ich werde allein gelassen.“
Der Begriff Trigger ist ein technischer Begriff – er beschreibt z. B. das Lösen des Abzugs einer Waffe. Einmal ausgelöst, ist er nicht mehr aufzuhalten.
Lisa atmete.
Sie versetzte sich bewusst in ihre ressourcenreiche Situation – und unterbrach so den Trigger.
Sie fragte sich:
„Was brauche ich jetzt?“
Und spürte:
Ruhe. Ruhe. Ruhe.
„Wie kann ich mir das jetzt geben?“
Lisa beschließt, sich noch ein wenig Wein einzuschenken, wählt ein ruhiges Musikstück, lässt das Gemüse Gemüse sein, lässt Tom Tom sein und setzt sich auf die Couch.
Sie atmet.
Und gibt sich die Ruhe, die sie braucht.
Wenige Minuten später kommt Tom zurück und sieht seine Frau entspannt auf der Couch mit einem Glas Wein.
„Sorry Schatz, es tut mir leid.“ Er sieht sie fragend an. Auch er weiß, dass jetzt etwas passieren könnte.
Und jetzt?
Und jetzt, liebe Leser:innen, werde ich oft gefragt:
„Ja, soll ich denn jetzt noch etwas sagen?“
Warum nicht?
Lisa ist entspannt. Sie hat gut für sich gesorgt.
Tom ist froh, dass die Situation ruhig ist.
Ich erlebe immer wieder, dass Paare – auch in schwierigen Situationen – letztlich dasselbe wollen:
eine harmonische, schöne Zeit miteinander.
In diesem entspannten Zustand kann Lisa gut formulieren, was sie braucht – in einer Stimmung, in der Tom auch zuhören kann.
Lisa erzählt mir später, dass sie überlegt hatte, Tom um handyfreie Zeiten zu bitten.
Letztlich entschied sie sich, es erst einmal so zu belassen.
Die leise Stimme in ihr hatte Raum bekommen und sagte:
„Normalerweise ist er ja immer da.“
Diesen Weg als Paar zu gehen ist nicht einfach.
Ich höre oft den berechtigten Einwand:
„Ja, aber der andere muss sich doch auch mal verändern …“
Ja – und nein 😉.
Natürlich ist es schön, wenn beide an sich arbeiten.
Und zugleich gibt es diese Magie.
Die Magie, die entsteht, wenn ein Teil eines Systems sich klar ausrichtet – idealerweise auf Selbstfürsorge, Selbstliebe und Liebe im Allgemeinen.
Immer wieder darf ich erleben, wie sich dadurch Situationen lösen, nicht mehr auftreten, wie plötzlich mehr Harmonie entsteht – fast magisch, scheinbar aus dem Nichts.
Eine Einladung
Hast du Lust, das einmal auszuprobieren?
In Konfliktsituationen nicht sofort zu fragen:
„Was macht der andere falsch?“
sondern:
„Was brauche ich eigentlich?“
Ich freue mich, wenn du mir schreibst,
was du dadurch erfährst.
Liebe Grüße 🌿 Daniela
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